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Portrait: Eigensinn im besten Sinn

Text: Florian L. Arnold, M. A., in "Wendepunkt: Wie viel Kunst braucht der Mensch", 01 - 2010
Herausgeber: Akademie für darstellende Kunst, adk-ulm

 

Genau so sollte das Haus eines Künstlers aussehen, denkt man sich, wenn man vor Ulrike von Quasts Haus inmitten der Ulmer Weststadt steht. Ein eingewachsener Garten, in dem, wie verwunschene Sagengestalten, erste Keramiken der Künstlerin den Besucher durchs Grün grüßen; im Hausflur und Treppenhaus dicht an dicht Kunstwerke von Künstlerkollegen, Wegbegleitern und der Tochter Anna, die mit hauchzarten Gebilden eigene künstlerische Pfade beschreitet. Kein Fleckchen, dass die 55-jährige Kunsterzieherin, Künstlergilde- Vorsitzende und aktive Künstlerin ungenutzt ließe. Auf dem Tisch, an dem wir uns bei einer Tasse Tee niederlassen, entdecke ich Samenhülsen. Ulrike von Quast lacht – ja, das ist wirklich Pflanzensamen. Sie experimentiere gerade mit unterschiedlichen Pflanzen, die sie für die Papierherstellung verwende.
Papier? Ulrike von Quast trat in den vergangenen Jahren vor allem als Keramikerin in Erscheinung; seit den Kunstwochen „Zeitläufe“ des „Artefakt“-Kunstvereins bevölkern auch mannsgroße Stelen ihr Oeuvre, dazu expressive Grafiken, darunter nicht zuletzt ihre fesselnden „Mauercomics“, in denen sich jahrhundertealte Geschichten abbilden und die „Luftnummern“, Haiku-leichte, geradezu seismographische Arbeiten auf Papier. Aber Papierherstellung?

Seismo-Grafik einer Unbeirrbaren

Durchaus. Denn es passt ins Bild der Künstlerin Ulrike von Quast, die Suche nach der reduzierten und dabei fesselnden Körpersymbolik in unterschiedlichsten Techniken fortzusetzen.
1954 in München geboren, arbeitet sie als Lehrerin und leitet seit 2000 als Vorsitzende die Geschicke der Künstlergilde in Ulm. Seit 1998 beteiligt sie sich regelmäßig an Gruppenausstellungen, seit 2003 präsentiert sie sich mit Einzelausstellungen auch über ihren Wohnort Ulm hinaus erfolgreich. Dass sie sich dabei auf einem eigenen Weg befindet, zeigten Einzelausstellungen 2007 in Passau und 2010 in Heilbronn.

Aus dem Papier entstehen minimalistische, aus der Materialität eine eigenwillige Sensitivität gewinnende Serie von „Torsi“, von Körpern, die Meta-Symbol für Lebendigkeit sind. Und damit schließen sie nahtlos auf zum roten Faden im Arbeiten einer Künstlerin, bei der sich als roter Faden immer wieder der menschliche Körper und mit ihm von Zivilisation, von Lebendigkeit und Geschichte mitteilt.

Ein Objekt, ganz gleich aus welchem Material hergestellt, muss etwas mitteilen. Das ist nur möglich, wenn das geistige Konzept, die handwerkliche Umsetzung und der Einsatz des Materials Hand in Hand gehen, nahtlos. Da ist die Künstlergilde-Vorsitzende mit sich selbst ebenso streng wie mit anderen. Technik und Aussage müssen stimmen. „Da kann ich ganz hart sein, vor allem zu mir selbst“, sagt von Quast.

Diese Härte gelte es auszuhalten. Nicht umsonst nannte sie ihre Einzelausstellung im Studio K55 des Künstlerbunds Heilbronn „Eigenleben“ - ein mehrdeutiger Titel, der die multivalente Welt von Quasts zusammenfasst. Eine Welt, in der nichts festgeschrieben ist, in der das Experiment hohe Präsenz hat, in der die Künstlerin gerne Anregungen aufgreift und neue Möglichkeiten erprobt, für ihre Intentionen die optimale Ausdrucksform zu entwickeln. Dabei scheut die Künstlerin auch nicht davor zurück, die von vielen Puristen gern geschmähte Materialitätsgrenze zu überschreiten – wenn sie beispielsweise in ihren Bodenobjekten Ton im Raku-Brand in Richtung Metalloptik bringt und das Innere dieser Objekte mit rostigen Metallinnereien – Zahnrädern, Metallbändern und -armierungen – versieht. Spannung und Anspruch entstehen eben nicht aus dem Bestreben nach einfachen Lösungen und dem Beschreiten eines kerzengeraden Weges. Sie entspringen dem Sichstellen einer Auseinandersetzung, dem hinterfragenden Beschreiten eines Umwegs, dem Risiko des (künstlerischen) Scheiterns, das im bildnerischen Arbeiten oftmals an existenzielle Fragen rührt. Und damit ist nur eine der Voraussetzungen für Kunst genannt.

Projektionsflächen menschlicher Extreme

Jeder Künstler muss, damit er sich ernstlich als solcher bezeichnen darf, sein Inneres in Beziehung zur Außenwelt bringen – und damit allgemeingültige Bilder erschaffen, die infolge einer inneren Notwendigkeit des Erschaffens und Ausdrückens Betrachter zu berühren vermögen. So bilden sich in den feinen Strukturen auf den Oberflächen der Wachsstelen, aber auch im dynamischen Spiel aus Wölbung und Vertiefung der Papierarbeiten, in den dynamischen Linien der „Luftnummern“ menschliche Grundzüge ab, die wesentlichste menschliche Erlebnisse transportieren: Angst und Zuversicht, Hoffnung und Pessimismus, Anerkennung und Zurückweisung, Erfolg und Scheitern. Es ist kein Klischee festzustellen, dass Künstler diese Extreme deutlicher, tiefgreifender und damit weitaus folgenreicher durchleben als andere. Ulrike von Quast setzt diese Extreme in Kunstwerke um. Die schwarzen Stelen, die aus respektvoller Entfernung dem Betrachter eine erstaunlich zarte, ja transzendente Seite offenbaren, wirken als Projektionsfläche menschlicher Urängste, die es aufzulösen gilt. Nicht umsonst stellt sich der Betrachter vor diesen Arbeiten die Frage nach dem eigenen Bezug, dem eigenen Sein. Er wird belohnt mit einer gewissen Befriedung. Das Bedrückende, dass die Schwärze und Geschlossenheit der Formen zunächst zu vermitteln schien, weicht der Einsicht, dass es durch individuelle Entwicklung aus jeder Lebenslage einen Ausweg gibt.

Wer könnte diese Botschaft besser vermitteln als ein Künstler?

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